Eine mexikanische Geburt

Seitdem ich in Mexiko bin, ist mir schon laenger aufgefallen, dass das ganze Thema der Gesundheit hier etwas anders angegangen wird als in Deutschland. In Mexiko gibt es viele Alternativen zur klassischen Schulmedizin, zum Beispiel Homöopathie, Naturheiler und Medizinmänner, Heilungen durch Energie und so weiter. Ich weiss, dass all dies auch in Deutschland gibt, aber in Mexiko ist es weiter verbreitet und mehr von der Gesellschaft akzeptiert als in meiner Heimat. Gleichzeitig gibt es in Mexiko auch viele Menschen, die sobald sie eine kleine Erkältung haben, Antibiotika nehmen und sich mit Medikamenten vollpumpen. Das ist für mich ein Gegensatz, den ich nicht ganz nachvollziehen kann, aber ich denke, es tritt hier wie bei so vielem das Gegensätzliche der mexikanischen Kultur auf: Die vorspanischen Völker wie Maya und Azteken hatten die natürlichere Medizin und noch heute wird diese am meisten in entlegenden Gegenden Mexikos praktiziert während die Europäer die ‘moderne’ Medizin nach Mexiko gebracht haben.

Vorgestern hatte ich die Gelegenheit, bei einer Geburt dabei zu sein: Gus und ich haben seine Schwester und Schwager und ihren Sohn ins Geburthaus begleitet, um bei der Geburt des zweiten Kindes dabei zu sein. Daisy und Uzziel bevorzugen definitiv die natürliche Seite der mexikanischen Medizin und hatten sich daher ein Geburtshaus ausgesucht und kein Krankenhaus. In Mexiko ist es nämlich so, dass bei der Geburt in einem Krankenhaus unheimlich oft ein Kaiserschnitt gemacht wird, obwohl das eigentlich gar nicht notwendig ist und der Arzt nur Geld verdienen moechte. Mexiko ist eines der Länder mit den meisten Kaiserschnitten weltweit. Während in Deutschland fast jede dritte Geburt ein Kaiserschnitt ist, erblickt die Hälfte aller Mexikaner auf diese Art und Weise das Licht der Welt (http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/fast-jede-dritte-geburt-in-deutschland-ein-kaiserschnitt-13802250.html; http://alianzasalud.org.mx/2014/08/mexico-el-pais-con-mas-cesareas-en-el-mundo-oms/).

Als die Wehen am Nachmittag gegen 18 Uhr einsetzten, machten wir uns also auf den Weg – die werdenden Eltern, ihr Sohn Enok (2,5 Jahre), ihre Hündin Cloe und Gus und ich – von Querétaro nach San Miguel de Allende (ca. 45 Minuten Fahrt). Das dortige Geburtshaus legt Wert auf natürliche Geburten und ist ein Zusammenschluss mehrerer Hebammen. Während der nun folgenden Wartezeit beschäftigten wir uns mit unserem Neffen und vertrieben uns so die Zeit. Das Haus war wirklich schön und wir merkten gleich, dass es hier sehr menschlich zuging. Auch unser Neffe Enok ist hier zur Welt gekommen. Mir gefiel vor allem, dass Cloe hier mit reindurfte. Zwar war die ‘Oberschwester’ nicht gerade begeistert, aber die für Daisy zuständige Hebamme sagte, wir sollten das nicht ernst nehmen und so blieb unsere vierbeinige Begleitung die ganze Zeit in Daisys Zimmer. Direkt neben ihrem Zimmer war der Entbindungsraum, wo Daisy sich auf eine Wassergeburt vorbereitete. Zu Beginn plantschte ihr Sohn da noch mit ihr drin rum und als es dann langsam ernster wurde, war der Kleine bei uns auf dem Arm. Es war tatsächlich ein volles Haus, denn wir waren zu neunt in einem relativ kleinen Raum – Daisy und Uzziel als Eltern im Wasserbecken, Cloe, eine Hebamme, drei (!) angehende Hebammen und Gus und ich, die sich mit Enok auf dem Arm abwechselten, der natürlich immer wieder versuchte, zu seinen Eltern zu kommen. Für mich war es erstaunlich, wie viele Menschen bei dieser Geburt anwesend waren! Mal ganz abgesehen von der Anwesenheit der Hündin, hatte ich doch bisher aus Deutschland nur gehört, dass prinzipiell eine oder zwei Begleitpersonen dabei sind und zudem nicht so viele Hebammen auf einmal. Auch ist es in Deutschland denke ich eher der Fall, dass die gröβeren Geschwister des Neugeborenen nicht anwesend sind, ja, erst gar nicht mit ins Krankenhaus kommen sondern zum Beispiel bei Oma und Opa bleiben wenn es soweit ist. Ich denke, es war eine gute Erfahrung für Enok, bei der Geburt seiner Schwester dabei zu sein. Zwar fing er am Ende, als Daisy bei den letzten paar Wehen vor Schmerz schrie, an zu weinen, aber das ist ja verständlich – wer will seine Mami schon so leiden sehen? Aber als die kleine Maus dann da war, war auch Enok ganz berührt und zufrieden, seine Eltern so glücklich zu sehen.

Um also nochmal auf die groβe Anzahl an Menschen, die bei der Geburt dabei war, zurückzukommen: Ich muss sagen, dass es mir richtig gut gefiel, dass die gesamte Kernfamilie beisammen war (mit Kind und Hund). Gus und ich waren als Helfer auch durchaus nützlich für Daisy und Uzziel (was zu Essen und zu Trinken kaufen, Enok unterhalten, Fotos machen usw.), auch wenn wir uns selber manchmal ganz schön unnütz und hilflos fühlten. Und irgendwie ist es ja auch ein gutes Zeichen, wenn so viele angehende Hebammen dabei sind, denn das bedeutet doch, dass es Nachwuchs gibt in diesem Beruf, der Beruf an sich ansprechend ist und das ist ja bekanntlich in Deutschland ein Problem.

Als dann kurz vor Mitternacht die kleine Maus endlich da war, verstand ich ein bisschen besser, dass 1 + 3 Hebammen dabei waren – in dem Moment, als Aleph das Licht der Welt erblickte, ging alles so schnell und jede von ihnen machte irgendetwas – Nabelschnur durchschneiden, Kind einpacken, Wasser und Schleim aus dem Rachen holen, ihr Sauerstoff unter die Nase halten usw. Wenige Momente später war sie dann bei ihren Eltern, die genau wie wir vor Freude weinten. Was für ein wunderschöner Moment! Dann durften auch Gus und ich unsere ‘frische’ Nichte im Arm halten und Enok durfte endlich zu seinen Eltern.

Willkommen auf der Welt, Aleph!

 

 

One thought on “Eine mexikanische Geburt”

  1. Dieses Erlebnis… einfach beeindruckend!
    Ich bin noch ein wenig sprachlos, mein Herz ist beim Lesen so richtig aufgegangen; denn ich erinnerte mich an meine 4 (nicht erwünschten) Kaiserschnitte. Ja, ich kann nur bestätigen, was Du sagst, Hannah, hier in Mexiko wird man nicht nur von den Ärzten, sondern inzwischen auch von den meisten aus dem Umfeld vorprogrammiert, den Kaiserschnitt zu vorzuplanen.
    Im Hospital del Niño y la Mujer darf niemand dabei sein, und meine Schwiegertochter könnte im Gegensatz zu dieser berührenden Geschichte, eine Horror- Filmszene wiedergeben… Sie starb fast im letzten September dort bei der Geburt ihres ersten Baby’s, und würde nie mehr dorthin gehen um ein Baby zu bekommen.
    In den anderen Privatkrankenhäusern können 1-2 Personen gegen ein Entgeld (1500 Pesos pro Person) dabei sein.
    Ich freue mich für Dich / Euch zur Geburt von Aleph!
    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!!!

    Dorina, Querétaro.

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