Korruption selbst gemacht

Ich habe während meines Studiums mal versucht, eine wissenschaftliche Arbeit über Korruption zu schreiben und bin an Hand der Dimension des Themas und den vielen verschiedenen “Niveaus” von Korruption schlichtweg gescheitert. Inzwischen habe ich aber verschiedene korrupte Situationen in Mexiko selber erfahren und möchte nun zumindest hier darüber schreiben.

Der Begriff der Korruption ist sehr komplex und “so undurchsichtig wie die Strukturen, in denen Korruption gedeiht: Korruption ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil. Ob Bestechung oder Bestechlichkeit im internationalen Geschäftsverkehr oder im eigenen Land, ob Käuflichkeit in der Politik oder der Versuch, durch Schmiergelder Vorteile zu erlangen – Korruption verursacht nicht nur materielle Schäden, sondern untergräbt auch das Fundament einer Gesellschaft.” (https://www.transparency.de/was-ist-korruption.2176.0.html)

Bevor ich das erste Mal nach Lateinamerika kam, hatte ich mir nie Gedanken gemacht um Korruption, ich dachte gar, dass es sie in Deutschland nicht gibt. Das ist natürlich ein Irrglaube und möchte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass Mexiko korrupt ist und Deutschland nicht. Ich denke, der Unterschied liegt in der Art und Weise der Korruption und in der Normalität derselben. In Deutschland kommt Bestechung, Schmiergelder und ähnliche schmutzige Geschäfte eher auf einer höheren Ebene – unter Managern, Konzernchefen usw. vor. Auβerdem habe ich die Illusion, dass die Politik davon nicht so stark betroffen ist wie die Wirtschaft. Ob das stimmt oder nicht, weiβ ich nicht, aber das ist ein weiterer Indikator für die Korruption in Deutschland: Sie geschieht im Stillen und Geheimen und weit weg vom Ottonormalverbraucher. In Mexiko ist das ganz anders:

Als Gus und ich auf unserer Hochzeitsreise im Bundesstaat Quintana Roo waren, hatten wir uns für ein paar Tage ein Auto geliehen und waren damit in den wunderschönen Süden des Bundesstaats gefahren. Nun mussten wir das Auto am Vormittag von Playa del Carmen zurück nach Cancún bringen um es wieder abzugeben und dann mit dem Bus weiterzureisen. Playa del Carmen und Cancún trennt eine gute Stunde Autofahrt und beides sind Touristenhochburgen die wir gerne meiden und nur wegen des Flughafens oder anderer Service nutzen. Wir waren also auf dem Weg nach Cancún mit genug Zeit um das Auto abzugeben und dann zum Busbahnhof zu gehen, als wir von einer Polizeistreife angehalten wurden. Angeblich war Gus 100 km/h gefahren, obwohl ja nur 70 erlaubt war. Was uns der Polizist erzählte, stimmte absolut nicht, wir waren mit 80 km/h unterwegs gewesen, nicht mehr. Aber in so einer Situation hat der Polizist nun mal Recht und man selber sollte lieber nichts sagen. Gus händigte also seinen Führerschein aus und fragte, wie es nun weiterginge. Der Polizist schockte uns mit der Aussage, Gus’ Fahrerlaubnis bliebe nun auf dem Polizeipräsidium, bis wir die Strafe dort bezahlten, das könnten wir in ein paar Tage tun. Diese Art der Bürokratie in DER Urlaubsgegend Mexikos schien uns unvorstellbar! Aber die Möglichkeit, den Führerschein zu behalten und die Strafe per Post zu den Behörden in unsere Heimatstadt zu schicken, gab es angeblich nicht. Also nahm sich Gus der Sache an. Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht genau weiβ, wie sich der Polizist und Gus geeinigt haben, aber Gus fragt immer sowas wie “Und können wir das nicht anders regeln?”. Ihr müsst wissen, dass dieses ‘regeln’ nie vor der Dame im Auto ausgehandelt wird, sondern man das auβerhalb des Wagens ‘wie Männer’ regelt. Gus kam also wenige Minuten später wieder, nahm wortlos 200 mexikanische Pesos (= 10 Euro) aus seinem Geldbeutel und gab diese dezent dem Polizisten. Beide schienen zufrieden und so machten wir uns von dannen.

In dem Moment dachte ich schon, dass der Polizist uns absichtlich aus dem Verkehr gezogen hatte mit dem Hintergedanken, uns Geld abzuzwacken, denn Leihautos haben in Quintana Roo kein Kennzeichen. Sie haben stattdessen ein Papier an der Rückscheibe kleben und sind entsprechend leicht zu erkennen zwischen vielen Autos. Aber gut, ich denke immer an das Beste im Menschen und hatte noch die Hoffnung, dass es ein doofer Zufall gewesen war.

Wenige Minuten später, als wir gerade an den Rand der Stadt Cancún kamen, winkte uns eine Motorradstreife rechts rüber und das Spiel fing von vorne an. Diesmal kamen wir mit 150 Pesos davon und während der letzten paar Kilometer fuhren wir nun übervorsichtig und wollten nur noch das Auto loswerden. Zweimal angehalten zu werden konnte nun wirklich kein Zufall mehr sein und ich machte mir klar, wie die Polizisten vorgingen: Sie suchten konkret Leihwagen, die auf dem Weg zurück nach Cancún waren. Natürlich, denn hier war der Flughafen und die Autovermietungen, die Insassen der Autos hatten es also in der Regel relativ eilig. Ich war mir sicher, dass wir den Polizisten verhältnismäβig sehr wenig Geld gegeben hatten, denn wer weiβ, wie viel zum Beispiel eine angespannte, verängstigte US-amerikanische Familie der Polizei gibt, wenn sie hören, dass ihr Führerschein einbehalten werden soll. Und ich weiβ nicht, ob das ein Faktor war, aber mein blondes Haar hilft in solchen Situationen auch nicht wirklich sondern lässt die Polizisten denken, sie können noch mehr kassieren.

Wir sehen also, dass Mexiko ein Land ist, in dem Korruption sich durch alle Ebenen von Machtstrukturen zieht. Wenn die obersten Politiker des Landes Millionen und Milliarden an Pesos, die dem Staat gehören, in die eigene Tasche stecken, warum sollte das dann ein kleiner Polizist nicht tun? Ich habe über den moralischen Konflikt nachgedacht, dass wir im Kleinen Korruption betrieben haben und ich bin absolut nicht zufrieden damit. Allerdings ist Korruption etwas stark verwurzeltes in der mexikanischen Mentalität und damit sich daran etwas ändert, muss der Wandel von oben kommen und die “groβen Haie” müssen es den “kleinen Fischen” vormachen. Was mich wirklich dabei stört ist die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. In Mexiko gibt es wie in vielen Schwellenländern nur eine kleine Mittelschicht und die Schere von Arm und Reich geht weit auseinander. Arme Menschen sind sehr arm und reiche sehr reich. Und dann nehmen sich die ohnehin schon sehr gut bezahlten Politiker, Polizeichefs und sonstige ‘wichtige Leute’ noch Milliarden an Pesos dazu, um sich ihre vierte Villa zu bauen oder sonstiges zu kaufen, wenn so viele Mexikaner an Hunger leiden oder sich keine medizinische Behandlung leisten können… Die Welt ist ungerecht.

 

 

 

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