Ich lebe in einem Schwellenland…

Derzeit ist hier in Mexiko Regenzeit. Das bedeutet nicht, dass es den ganzen Tag regnet, aber schon, dass es oft am Nachmittag oder Abend heftige Schauer gibt. Das an sich ist für mich kein Problem, schlieβlich bin ich norddeutsches Schietwetter gewöhnt. Hier in Mexiko ist allerdings das groβe Problem, dass das System zum Abfluss von Regenwasser und der Schutz gegen Regen generell in der Stadt und in vielen Häusern eine Katastrophe ist. Heftiger Regen bedeutet also oft, dass die Straβen überfluten und das Wasser nicht abflieβt, dass die Abwasserkanäle so voll laufen, dass das Wasser aus den Gullideckeln raussprudelt und durch das Abwasser ganze Nachbarschaften unangenehm riechen, dass das Wasser ins Haus eindringt und dass man um die Straβe zu überqueren, eigentlich ein Boot dabei haben müsste.

 

Vor kurzem ist im Haus meiner Schwiegermutter ein Wasserschaden entstanden: Es hat heftig geregnet und der kleine Damm direkt vor ihrem Haus, der einen etwas höher gelegenen Sportplatz begrenzt, ist gebrochen. Im Wohnzimmer stand darauf hin 20 cm hoch das Wasser. Das alleine kann man vielleicht noch als Pech durchgehen lassen, aber wenn ich dann höre, dass das quasi jedes Jahr passiert und die Gemeinde die Abgrenzung nicht verstärkt, muss ich meinem Vater recht geben wenn er mich ab und zu mit den Worten “Du lebst in einem Entwicklungsland” neckt.

Mexiko ist so ganz anders als Deutschland – wirtschaftlich, kulturell, historisch, gesellschaftlich….  Ja, und Mexiko ist eben auch ein Schwellenland und keine Industrienation. Das ist Teil des Gesamtpakets und so muss man in Mexiko unter anderem damit rechnen, dass plötzlich der Strom ausfällt oder kein Tropfen Wasser aus dem Hahn kommt.

Generell gibt es viele Bakterien und Erreger – in der Luft, im Wasser usw. Ich muss also immer aufpassen, dass ich saubere Hände habe, mein Essen sauber ist und ich mir auch sonst wie keine Krankheiten hole. Noch nie war ich in meinem Leben so oft von Problemen mit dem Magen betroffen wie in Mexiko, denn es kommt eben doch vor, dass mal an einem Straβenstand oder in einem Restaurant das Essen nicht sauber ist.

Im Schwellenland Mexiko zu leben bedeutet, dass man Leitungswasser nicht trinken kann, dass Salat und Erdbeeren vor dem Verzehr desinfiziert werden müssen, dass Leute für die kürzesten Wege das Auto nehmen, und dass einem Cucarachas (Küchenschaben) und Skorpione gelegentlich über den Weg laufen.

Die Abgase von manchen Autos, vor allem von Bussen oder LKWs sind absolut kriminell und man erschrickt gleichsam über die schwarze Wolke wie über den knatternden Auspuff. So etwas wie einen TÜV gibt es nicht und Autos zu sehen, die eigentlich schon nicht mehr verkehrstüchtig sind, ist normal. Auch kleinere Macken der Autos wie abgefahrene Seitenspiegel oder eine fehlende Motorhaube (vor allem bei VW Käfern) werden einfach so hingenommen.

Vor ein paar Monaten sind wir abends mit dem Auto von Aculco zurück nach Querétaro gefahren, was eine gute Stunde Strecke ist. Auf dem ersten Teil der Strecke, einer Art Bundesstraβe, waren plötzlich unheimlich viele Schlaglöcher in der Straβe und so zerfetzte unser Reifen in einem dieser Löcher. Wir hielten an, kramten alles aus dem Kofferraum raus, wechselten den Reifen und fuhren weiter. Wenige Kilometer weiter war nochmal so ein Krater und nun war auch der Reservereifen kaputt. Glück im Unglück: Wir waren nur wenige Meter zuvor an einer Tankstelle vorbeigefahren. Wir rollten also zurück zur Tankstelle und riefen dort den Abschleppwagen an. Das ganze passierte um ca. 21.00 Uhr. Um 22.30 Uhr kam ein Freund vorbei, der die anderen drei Insassen unseres Wagens abholte, denn im Abschleppwagen können nur zwei Menschen mitfahren. Gus und ich warteten also weiterhin auf den Abschleppwagen, der uns um 21.00 Uhr gesagt hatte, es dauere maximal 3 h. Um 1:30 Uhr war er endlich da…

Laut Auswärtigem Amt ist Mexiko ein “fortgeschrittenes Schwellenland” (http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Mexiko/Wirtschaft_node.html) – die mexikanische Wirtschaft wächst rasant an und die gesellschaftlichen Strukturen verändern sich schnell. Wenn Mexiko lernt, seine Ressourcen mit der richtigen Technologie optimal zu nutzen und gegen die Korruption vorzugehen, hat es unheimlich viel Potenzial, eine starke Wirtschaftsmacht zu werden. Aber im Moment ist es noch ein weiter Weg dorthin. Vor allem muss der Staat die Gewinne, die er zum Beispiel durch eine starke Wirtschaft erzielt, lernen, so einzusetzen, dass sie der Bevölkerung zugute kommen.

 

 

 

 

4 thoughts on “Ich lebe in einem Schwellenland…”

  1. So, jetzt muss ich aber doch mal eine Lanze für Mexiko brechen. Bei den “Schauern” handelt es sich um tropische Wolkenbrüche, bei denen innerhalb weniger Minuten 20 mm Regen und mehr niedergehen können. Wie eine mitteleuropäische Kanalisation auf solche Niederschlagsmengen reagiert, hat sich neulich in Berlin gezeigt, obwohl es da in 48 Stunden “nur” 50 mm geregnet hat. So sieht übrigens die Kanalisation von Mexiko-Stadt aus: https://youtu.be/wcoI6rObWDk?t=30s — die packt schon was weg.
    Herzliche Grüße und danke für deine Einblicke!

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    1. Die Staerke des Regens ist natuerlich nicht mit der in Deutschland zu vergleichen, das ist richtig. Ich denke, das Problem ist die Kombination aus der Staerke des Regens und der Prioritaeten der Stadt: Hier in Querétaro wurden vom Praesidenten gross ‘obras fluviales’ angekuendigt, um in diesem Jahr zumindest die Ueberflutung der historischen Altstadt zu verhindern und leider hat das nichts gebracht. An anderer Stelle werden Fusswege, die erst vor Kurzem neu gemacht wurden, nochmal neu gemacht, damit sie schoener aussehen…

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